Perspektiven · KI im Unternehmen

KIRI-Auswertung 2026: Beim KI-Einsatz fehlt es an Steuerung

Seit März 2026 können Unternehmen ihre KI-Readiness mit dem KI-Readiness-Index (KIRI) online bestimmen. Bis zum 17. September haben 184 Unternehmen das Assessment vollständig ausgefüllt, 59 % davon mit weniger als 250 Mitarbeitenden. Ich habe die Daten ausgewertet. Der Durchschnitt liegt bei 2,08 von 4 Punkten, das entspricht dem Reifegrad Initiator. Auf dieser Stufe stehen 51 % der Unternehmen, 24 % sind Zuschauer, 23 % Umsetzer und nur 5 Unternehmen (3 %) Treiber.

Das Muster hinter dem Durchschnitt kenne ich aus Beratungsprojekten, in den Daten ist es nun erstmals breit belegt: Technik und Offenheit sind in den meisten Häusern vorhanden, die Steuerung fehlt.

Balkendiagramm der sechs KIRI-Dimensionen: Technologie 2,56, Unternehmenskultur 2,23, Use Cases 2,13, Organisation 1,90, Datenverfügbarkeit 1,90, Strategie 1,75. Gesamtindex 2,08 von 4.
Abbildung 1: Dimensionsprofil der 184 Unternehmen (Mittelwerte, Skala 0 bis 4)

Die Technik ist selten der Engpass

Technologie ist mit 2,56 die stärkste der sechs Dimensionen. Ich würde daraus nicht zu viel ableiten, denn getragen wird der Wert vom Schutz vor Cyberangriffen (2,99) und vom technisch umgesetzten Datenschutz (2,86). In beides investieren Unternehmen auch ohne KI-Vorhaben. Ein hoher Technologiewert sagt deshalb wenig darüber, ob ein Haus für KI bereit ist.

Die Strategie erreicht im Mittel nur 1,75. Bei 73 Unternehmen (40 %) ist sie die schwächste Dimension, die Technologie ist es bei 3. Vergleicht man die 47 Umsetzer und Treiber mit den übrigen 137 Unternehmen, liegt der größte Abstand in der Strategie (+1,47 Punkte) und der kleinste in der Technologie (+1,25).

DimensionAlle (n = 184)Umsetzer und Treiber (n = 47)Zuschauer und Initiatoren (n = 137)
Technologie2,563,492,24
Unternehmenskultur2,233,221,89
Use Cases2,133,081,81
Organisation1,902,891,56
Datenverfügbarkeit1,902,841,57
Strategie1,752,841,37

Bei den Einzelkriterien ist der Abstand zwischen Vorreitern und übrigem Feld bei der Datenstrategie am größten (+1,65), danach folgen das KI- und Datenwissen im Haus (+1,51) und die Verankerung von KI in der Unternehmensstrategie (+1,50). Wer aufholen will, kauft besser kein weiteres Werkzeug, sondern legt ein Zielbild fest und baut eigenes Wissen auf.

KI läuft, aber kaum jemand misst, was sie bringt

155 der 184 Unternehmen setzen KI zumindest teilweise ein. 69 von ihnen messen, bewerten und priorisieren diesen Einsatz kaum oder gar nicht. Selbst unter den 101 Unternehmen, die KI weitgehend oder strategisch nutzen, fehlt bei 38 eine systematische Erfolgsmessung. Mit 1,56 gehört die Erfolgsmessung zu den fünf schwächsten der 29 Kriterien, und 51 % aller Unternehmen vergeben dafür nur eine 0 oder 1.

Im Whitepaper „KI-Readiness verstehen und nutzen“ nennen wir das Tool-Aktionismus: Werkzeuge werden eingeführt, bevor geklärt ist, welches Problem sie lösen. Ohne Messgröße lässt sich nicht entscheiden, welche Anwendung ausgebaut und welche beendet wird. Ein brauchbares Ziel ist konkret, etwa die Bearbeitungszeit je Kundenanfrage von 20 auf 10 Minuten zu senken. Ausgangswert, Zielwert und eine verantwortliche Person gehören vor den Start des Piloten.

Offenheit ohne Befähigung

Die Offenheit für KI erreicht 2,64, KI-Schulungen für Beschäftigte kommen nur auf 1,71 und klare Zuständigkeiten auf 1,76. 107 Unternehmen bewerten ihre Offenheit mit 3 oder 4, doch bei 32 von ihnen findet kaum Weiterbildung zu KI statt. Die Belegschaft will, aber niemand zeigt ihr, wie. So entsteht Schatten-KI: Beschäftigte greifen auf frei verfügbare Werkzeuge zurück und wissen oft nicht, welche Daten sie dort eingeben dürfen. Wie das im Alltag aussieht, beschreibt der Beitrag zur Schatten-KI. Bei den Regeln für Ethik und Recht liegen 40 % der Unternehmen bei 0 oder 1, sie haben also keine oder nur punktuelle Leitlinien.

Der Sprung liegt bei 250 Mitarbeitenden

Der KIRI steigt mit der Unternehmensgröße: 1,74 bei 10 bis 49 Mitarbeitenden, 1,99 bei 50 bis 249, 2,33 bei 250 bis 999 und 2,44 ab 1.000. Den großen Schritt gibt es an der Schwelle von 250, darüber wächst der Vorsprung nur noch um 0,11 Punkte. In den beiden kleineren Größenklassen sind 18 % und 19 % der Unternehmen Umsetzer oder Treiber, in den beiden größeren 35 % und 37 %.

Auffällig ist der Mittelbau. Von den Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitenden sind 59 % Initiatoren, ihre Strategie liegt bei 1,62, ihre Technologie bei 2,54. Ich vermute, dass der Übergang zum Umsetzer an dieser Lücke scheitert. Bewiesen ist das mit einer einmaligen Erhebung nicht. Für Unternehmen unter 250 Mitarbeitenden rate ich zu einem klar abgegrenzten Use Case mit externer Begleitung. Eigene Datenrollen oder eine IT-Abteilung gibt es in dieser Größe selten, und die Geschäftsführung hat kaum Kapazität für Strategiearbeit.

Branchen: Dienstleister vorn, Industrie überrascht

IT und technologienahe Dienstleistungen (2,78) sowie Finanzdienstleistungen und Versicherungen (2,62) sind die einzigen Branchen im Reifegrad Umsetzer. Ihre Kernprozesse sind weitgehend digital, man denke an Kontoführung oder Policenverwaltung. Am anderen Ende steht Bau und Handwerk mit 1,51, als einzige Branche im Reifegrad Zuschauer.

Überrascht hat mich die produzierende Industrie. Industrie und produzierendes Gewerbe erreicht bei der Datenverfügbarkeit nur 1,50 und bei der Strategie 1,24, obwohl in Fertigungsbetrieben große Datenmengen anfallen. Meine Vermutung ist, dass diese Daten verteilt in einzelnen Anlagen liegen und für KI bisher nicht erschlossen sind. Jede Branche ist mit 10 bis 24 Unternehmen vertreten. Die Werte sind deshalb eine Tendenz und kein belastbarer Branchenvergleich.

Was die Zahlen nicht hergeben

Der KIRI beruht auf freiwilligen Selbsteinschätzungen. Vermutlich haben vor allem Unternehmen teilgenommen, die sich schon mit KI befassen, die Werte dürften daher eher zu hoch als zu niedrig liegen. Für die gesamte Wirtschaft sind sie nicht repräsentativ. Hinweise auf flüchtiges Durchklicken gibt es nicht: Die Bearbeitung dauerte im Median 18 Minuten, die kürzeste 9. Typische Muster lassen sich trotzdem gut erkennen.

Was ich Geschäftsführungen jetzt empfehle

Der Engpass liegt bei der Führung. Ziele und Verantwortung für KI lassen sich nicht einkaufen, sie verlangen Entscheidungen der Geschäftsführung. Ich würde in dieser Reihenfolge vorgehen:

  1. Ein KI-Zielbild festlegen, das an ein konkretes Geschäftsziel anknüpft, etwa eine kürzere Angebotserstellung oder eine niedrigere Retourenquote, und mindestens eine Person mit Zeit und Auftrag für KI benennen. Das kostet wenig Budget, aber Zeit der Geschäftsführung.
  2. Für jedes KI-Vorhaben vor dem Start Ausgangswert, Zielwert und eine verantwortliche Person festlegen.
  3. Die Daten nur für die zwei oder drei wichtigsten Vorhaben in Ordnung bringen. Eine umfassende Datenoffensive überfordert die meisten mittelständischen Unternehmen personell.
  4. Ein Schulungsprogramm aufsetzen, das alle Beschäftigten erreicht, und eine KI-Richtlinie auf wenigen Seiten schreiben: welche Werkzeuge erlaubt sind, welche Daten eingegeben werden dürfen und wer neue Anwendungen freigibt.

Meine These für die nächste Auswertung: Der Abstand zwischen Vorreitern und übrigem Feld wächst eher, weil die Vorreiter Strategie und Zuständigkeiten bereits haben. Eine zweite Erhebungsrunde wird zeigen, ob das stimmt.

Wo Ihr Unternehmen steht, zeigt der kostenlose KIRI-Check. Alle Durchschnittswerte, die Branchen- und Größenvergleiche und die Methodik stehen in der vollständigen KIRI-Auswertung 2026. Wenn Sie Ihr Ergebnis gemeinsam einordnen möchten, geht das im Erstgespräch.